Statt zu warten hat Carmen die letzten Kilometer bis zur Fähre übernommen. Eigentlich wäre das Erik`s Part gewesen Die Stimmung ist sehr gereizt, die Läufer haben eine harte Nacht hinter sich und wollen endlich was Ordentliches zu essen und ne warme Dusche im Womo. Die Übergabe verläuft sehr einsilbig.

Doch das weiterhin herrliche Wetter und die einmaligen Landschaften vertreiben den Frust schnell. Auf einer Nebenstraße entlang des Verrasundet-Fjord kann Kameramann Axel endlich sein wahres Können beweisen. Auf seinem Dirtboard lässt er sich am Seil vom Bus ziehen. So kann er direkt neben oder vor dem Läufer cruisen. Es gelingen ihm spektakuläre Aufnahmen in einer atemberaubenden Landschaft.

Eine Unbekannte in unserer Geschwindigkeitsrechnung wird heute zur Gewissheit: Die Straße E6, die Hauptverkehrsader Richtung Nordkap, haben wir bis jetzt erfolgreich meiden können. Auf den Nebenstraßen hatten wir kaum Verkehr. Doch das Nebenstraßennetz wird nun immer dünner. Wir können die E6 nur mit großen und auch unsicheren Umwegen umgehen – in Anbetracht der Zeitvorgabe nicht machbar. Bei Steinkjer ist es dann soweit. Doch wir sind überrascht von der Freundlichkeit und dem Verständnis der Autofahrer. Carmen ist die erste, die das zu spüren bekommt. Wir Jungs vermuten, dass ihre sportliche Figur die – meist männlichen – Lenker milde stimmt. Doch dieses für uns Deutsche unfassbare Phänomen begleitet uns während der ganzen Tour. Wir staunen immer wieder über die Begeisterung der Norweger. Sie winken aus dem Auto, begleiten uns mit Hupkonzerten. Wir erleben spontane Laola-Wellen am Straßenrand, Fotoapparate klicken. Zwei von den Jungs erzählen sogar, dass vier junge hübsche Mädels extra angehalten und ihnen Luftküsse zugeworfen haben...

Die Nachtetappen können wir ohne Stirnlampen laufen, es wird nicht mehr richtig dunkel. Dafür fängt es an zu nieseln. Die schmalen Gummiwalzen der Roller rutschen auf der nassen Straße leicht weg. Vor allem bergab müssen wir höllisch aufpassen, um nicht zu stürzen. Dazu kommt der streckenweise sehr raue Asphalt mit tückischen Längsrillen, die wohl von den Schiebeschildern der Schneepflüge stammen. Mit den nur ca.2 cm breiten Walzen wird das Laufen hier zum Eiertanz. Doch mittlerweile ist jeder froh, wenn er laufen kann. Das Autofahren wird immer mehr zur Tortur, denn der fehlende Schlaf (nur 2-3 Stunden am Tag) macht die Augenlider bleischwer. Der Red Bull-Konsum steigt rapide an. Teilweise hilft nur Gesichtsmuskel-Gymnastik, um dem Sekundenschlaf zu entfliehen.
Wir passieren die Stadt Mo i Rana und laufen rund 80 km bergauf zum nördlichen Polarkreis. Mit einem Jump überspringt Erik den fiktiven 65sten Breitengrad. Leider haben wir jetzt keine Zeit für die Besichtigung des Informationszentrums, aber das wollen wir auf dem Rückweg nachholen. Über Fauske und Narvik geht es weiter nach Alta. Noch 200 km bis zum Nordkap…